Assessments in der Geriatrie: Emotion
Emotion, verborgen
Kurzbeschreibung - Befragungsinstrument zur Erfassung depressiver Störungen
Durchführung - es empfiehlt sich zwecks möglichst spontaner Beantwortung der 15 Fragen, diese dem Patienten zügig vorzulesen und ihn zu bitten, spontan zu antworten, ob er die jeweilige Aussage für sich als „eher zutreffend“ oder als „eher nicht zutreffend“ einstufen würde (auf störungsfreies Setting achten)
Interpretation
- 0 bis 5 Punkte: unauffällig
- ≥ 6 Punkte: depressive Störung wahrscheinlich
Zeitbedarf - bei guter Kooperation 5 Minuten
Vorzüge - einfache Erhebung
Einschränkungen - Fragebogen erforderlich, bei Demenz nicht einsetzbar, gutes Eingehen auf Probanden erforderlich um spontane Antworten sicherzustellen
Erstveröffentlichung
- Yesavage JA, Brink TL, Rose TL et al. Development and validation of a geriatric depression screening scale: a preliminary report. J Psychiatr Res 1982-83;39:37-49.
Kurzbeschreibung - Fremdbefragungsinstrument mit 10 Fragen
Durchführung - wie in allen Tests zur Erhebung von Emotion oder Kognition sollte die Untersuchung in störungsfreier Umgebung durch erfahrene Untersucher erfolgen. Mündlich werden 10 Ja/Nein-Fragen zur Stimmungslage gestellt. Die Antworten sollen sich auf die vergangenen zwei Wochen beziehen.
Interpretation - Minimum 0, Maximum 10 Punkte,
- 0 bis 3 Punkte: Unauffälliger Test,
- 4 und mehr Punkte: Depressive Störung wahrscheinlich.
Zeitbedarf - geringer Zeitaufwand, unter 5 Minuten
Vorzüge - einfache Anwendbarkeit, leicht verständliche Fragen. Vermeidung von Fragen nach häufig auch bei anderen Erkrankungen bestehenden Symptomen (co-morbiditätsbedingte Störfaktoren) wie beispielsweise in der GDS, Validierung im geriatrischen Kollektiv, gute Testgüteeigenschaften, geeignet zur Verlaufsbeobachtung. Das Instrument darf frei verwendet werden.
Einschränkungen - deutsche Sprachkenntnisse erforderlich. Bisher nur eine Validierungsstudie im stationären Setting (Stand März 2018). Ungeeignet bei schwerer kognitiver Funktionseinschränkungen sowie für psychotische, delirante und aphasische Patienten.
Erstveröffentlichung - Heidenblut S, Zank S (2009) Entwicklung eines neuen Depressionsscreenings für den Einsatz in der Geriatrie - Die "Depression-im-Alter-Skala" (DIA-S). Z Gerontol Geriatr 43:170-176, doi: 10.1007/s00391-009-0067-z.
Kurzbeschreibung - Die Montgomery-Åsberg Depression Rating Scale (MADRS) ist ein validiertes Fremdbeurteilungsverfahren zur quantitativen Schweregrad-Einschätzung von Beeinträchtigungen im Bereich der Emotion und damit zur Erkennung von Depressionen. Sie eignet sich auch zur Beurteilung der Dynamik des Krankheitsverlaufs, zum Beispiel nach Anpassung der antidepressiven Therapie. Typische depressive Symptome wie beispielsweise Traurigkeit, innere Anspannung und pessimistische Gedanken sowie Suizidgedanken werden erfasst.
Durchführung - Die Erhebung erfolgt im Rahmen eines strukturierten Interviews. Die Bandbreite der Fragen erstreckt sich von allgemein gehaltenen Einstiegsfragen bis hin zu spezifischen Fragen gegen Ende des Interviews. Auch ergänzende Informationen von An- und Zugehörigen oder dem (geriatrischen) Behandlungsteam können Berücksichtigung finden. Das Instrument umfasst insgesamt 10 Items. Die Bewertung der Items erfolgt mittels einer Skala von 0-7 Punkten. Die Punktwerte werden ungewichtet aufsummiert. Höhere Werte stehen dabei für umfänglichere Beeinträchtigungen der Emotion.
Interpretation - Die Interpretation erfolgt anhand des Gesamtscores:
- 0-12 Punkte = unauffällig/geheilt
- 13-21 Punkte = leicht
- 22-28 Punkte = mäßig und
- 29-60 Punkte = schwer.
Zeitbedarf - Ca. 15 bis 20 Min, abhängig von kognitiven und sensorischen Einschränkungen
Vorzüge - Hohe Sensitivität für Veränderungen und damit gut geeignet für Verlaufskontrollen, hohe Inter-Rater-Reliabilität, international breit validiert und etabliert, Standardinstrument in vielen Studien und Leitlinien, gut bei somatisch erkrankten und älteren Patientinnen und Patienten einsetzbar, differenzierte Interpretationsobjektivität durch Cut-off-Werte für vier Schweregradklassen.
Einschränkungen - Der MADRS legt bewusst wenig Gewicht auf somatische Symptome, was insbesondere bei geriatrischen Patientinnen und Patienten häufig relevant ist und zur Unterschätzung somatisch geprägter Depressionsbilder führen könnte. Zudem setzt die Anwendung eine ausreichende Kommunikationsfähigkeit und Kooperationsbereitschaft voraus. In der Geriatrie scheint die MADRS wenig etabliert zu sein.
Erstveröffentlichung
- Åsberg, M., Perris, C., Schalling, D., & Sedvall, G. (Eds.). (1978). CPRS: Development and applications of a psychiatric rating scale. Acta Psychiatrica Scandinavica, Suppl 271, 69
weitere Veröffentlichungen
- Montgomery SA, Åsberg M. (1979), A new depression scale designed to be sensitive to change. Brit J Psychiatry; 134:382-89.
- Schmidtke A et al (1988) Untersuchungen zur Reliabilität und Validität einer deutschen Version der Montgomery-Asberg Depression Rating Scale (MADRS). Schweiz Arch Neurol Psychiatr 139:51–65
- Mottram P, Wilson K, Copeland J. (2000) Validation of the Hamilton depression rating scale and Montgomery and Åsberg rating scales in terms of AGECAT depression cases. Int J Geriatr Psychiatry; 15:1113-19.
Hinweise zum praktischen Einsatz sind unter Hogrefe Austria GmbH (Hogrefe.com) zu finden.
Kurzbeschreibung – Der 2-Fragen Test nach Whooley wurde 1997 zur Erkennung einer depressiven Symptomatik entwickelt. Es handelt sich um ein interviewgestütztes Instrument. In der S1-Leitlinie „Geriatrisches Assessment der Stufe 2 - Living Guideline“ wird der Test in die Assessmentstufe 2a eingestuft.
Durchführung – Der Patientin oder dem Patienten werden nacheinander folgende Fragen gestellt:
- Fühlten Sie sich im letzten Monat häufig niedergeschlagen, traurig, bedrückt oder hoffnungslos?
- Hatten Sie im letzten Monat deutlich weniger Lust und Freude an Dingen, die Sie sonst gerne tun?
Die Auswertung erfolgt ausschließlich anhand der Ja-/Nein-Antworten.
Interpretation – Der Test gilt bei mindestens einer Ja-Antwort als positiv. Im aktuellen ICD-10-GM-Verzeichnis kodiert der Kode U54.14 „2-Fragen Test nach Whooley: 1 oder mehr Punkt(e)“ und damit eine „Emotionale Funktionseinschränkung“. Der Test erfasst den Verdacht auf Symptome eines depressiven Syndroms. Bei positivem Testergebnis muss zwingend weiterführende diagnostische Abklärung hinsichtlich des Affekts resultieren (siehe unten). Ein positives Testergebnis erlaubt keine Diagnosestellung einer Depression.
Zeitbedarf – ca. 2 Minuten
Vorzüge – Die Durchführung des international etablierten 2-Fragen-Tests dauert wenige Minuten und ist sowohl für Patientinnen und Patienten als auch für medizinisches Personal leicht verständlich. Eine Schulung ist nicht erforderlich. Der Test ist für geriatrische Patientinnen und Patienten validiert. Sowohl in der Originalstudie (Whooley et al. 1997) als auch in der deutschen Übersetzung wurde eine hohe Sensitivität ermittelt. Trabert et al. (2025) berichteten für die Identifikation milder und moderater Symptome (kombiniert betrachtet) eine Sensitivität von 74 % (95 % KI: 66–81 %). Für moderate depressive Symptome lag die Sensitivität bei 95 % (95 % KI: 81-99 %). Müseler (2020) ermittelte bei einer bejahten Frage eine Sensitivität von 100 %; bei zwei bejahten Fragen betrug die Sensitivität 85 %.
Einschränkungen – Die Spezifität wird als vergleichsweise gering beschrieben. Ursächlich ist womöglich, dass die erfragten Symptome nicht nur spezifisch für eine depressive Symptomatik sind. Typische Symptome eines depressiven Syndroms wie bspw. Konzentrationsprobleme, Schlafstörungen, Schuldgefühle und Appetitmangel werden nicht erfasst. Trabert et al. (2025) beschrieben eine Spezifität von 65 % (95 % KI: 56-73 %) bei der gesamten Betrachtungsweise (milde und moderate depressive Symptome) und hinsichtlich moderater depressiver Symptome eine Spezifität von nur 49 % (95 % KI: 43-56 %). Müseler (2020) ermittelte eine Spezifität von nur 36,2 % bei dem Bejahen einer Frage und 65,2 % beim Bejahen beider Fragen. Der 2-Fragen-Test ist zur Erkennung leichter depressiver Symptomatik nicht geeignet, da die Sensitivität hierfür bislang nicht ermittelt wurde (S1-Leitlinie Geriatrisches Assessment der Stufe 2, Update 2026).
Wichtiger Hinweis – Das KCG orientiert sich an den Studien von Trabert et al. (2025) und Müseler (2020) sowie am aktuellen ICD-10-GM-Verzeichnis. In den genannten Veröffentlichungen wurde der 2-Fragen Test bereits bei Bejahung einer der beiden Fragen als positiv gewertet. Demzufolge ist nach der Bejahung von mindestens einer Frage eine weiterführende diagnostische Abklärung mittels Assessment der Stufe 2b anzuschließen. Sollte keine der beiden Fragen bejaht werden, sich jedoch klinisch-anamnestisch Hinweise auf eine depressive Symptomatik ergeben, ist ebenfalls eine weiterführende diagnostische Abklärung mittels Assessment der Stufe 2b erforderlich.
Erstveröffentlichung
- Whooley MA, Avins AL, Miranda J, Browner WS. Case-finding instruments for depression. Two questions are as good as many. J Gen Intern Med. 1997 Jul;12(7):439-45. doi: 10.1046/j.1525-1497.1997.00076.x.
weitere Veröffentlichungen
- Trabert J, Bauer E, Golbach R, Jekel K, Wunner C, Singler K, Schütze S. Simplified Screening for Depression in Acutely Hospitalized Geriatric Patients: Comparison of the Two-Item Whooley Questions With the Geriatric Depression Scale-15. Int J Geriatr Psychiatry. 2025 Apr;40(4):e70083. doi: 10.1002/gps.70083. PMID: 40263643.
- Müseler J. Vergleich von acht Instrumenten zur Erfassung von Depressivität bei Patienten/Patientinnen in stationärer geriatrischer Krankenhausbehandlung bezüglich diagnostischer Güte, Zeitbedarf, Verständlichkeit und Patientenakzeptanz. Inauguraldissertation. Universität zu Lübeck; 2020.
- DGPPN, BÄK, KBV, AWMF (Hrsg.) für die Leitliniengruppe Unipolare Depression*. S3-Leitlinie/Nationale Versorgungsleitlinie Unipolare Depression – Kurzfassung, 2. Auflage. Version 1. 2017 [cited: 2026-07-02]. DOI: 10.6101/AZQ/000366. www.depression.versorgungsleitlinien.de: S. 17.
- Bundesärztekammer (BÄK), Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV), Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF). Nationale Versorgungsleitlinie Unipolare Depression - Langfassung, Version 3.2. 2022 [cited: 2026-07-02], DOI: 10.6101/AZQ/000505, Seite 28. www.leitlinien.de/depression.